Überfettung – die Superkraft traditioneller Seifenherstellung
15. Juni 2026
Auf vielen handgemachten Seifen – auch auf meinen – findest du den Begriff „überfettet“ oder „Superfat“. Doch was bedeutet das eigentlich, und warum sollte es dich interessieren?
Die kurze Antwort: Es ist der Anteil an Ölen in der Seife, der nicht verseift wurde. Diese Öle bleiben frei in der Seife enthalten und pflegen deine Haut während des Waschens. Jede Seife von The Curated hat eine Überfettung – und genau das ist einer der Hauptgründe, warum sich handgemachte kaltgerührte Seife so anders anfühlt als ein gewöhnliches industriell hergestelltes Seifenstück.
Wie viel Überfettung steckt in deiner Seife?
Die meisten kaltgerührten Seifen liegen zwischen 5 und 8 % Überfettung. Doch was bedeutet das konkret?
Bei The Curated verwende ich 5 % Überfettung für dekorative Seifen mit aufwendigen Designs. Komplexe Swirls, Schichten und Muster benötigen einen Seifenleim, der sich vorhersehbar verhält, und eine etwas niedrigere Überfettung hilft dabei. Für die meisten Seifenstücke sind 8 % mein Standard. Bei meiner Haferseife gehe ich sogar auf 10 %, da Hafer von Natur aus beruhigende Eigenschaften besitzt und die Seife dieses Hautgefühl widerspiegeln soll.
Eines sollte dabei klar sein: Überfettung macht eine Seife nicht automatisch besser für trockene Haut oder schlechter für fettige Haut. Jede korrekt überfettete kaltgerührte Seife wirkt pflegend. Jede einzelne. Der Unterschied zwischen einer Seife mit 5 % und einer mit 8 % Überfettung ist eher subtil – die 8%-Variante fühlt sich etwas reichhaltiger und etwas weicher an. Beide sind jedoch deutlich hautfreundlicher als die meisten industriellen Seifen.
Wirklich entscheidend wird die Überfettung bei der Funktion einer Seife. Eine Rasierseife benötigt nur wenig Überfettung, damit der Schaum besonders gleitfähig bleibt. Eine Küchen- oder Spülseife sollte dagegen praktisch gar keine Überfettung haben.
0–2 %: Spülseifen, Rasierseifen und Spezialseifen, bei denen maximale Reinigungskraft und die längstmögliche Haltbarkeit gefragt sind.
3–5 %: Dekorative Seifen mit komplexen Designs oder Rezepturen mit einem hohen Anteil weniger stabiler Öle, bei denen man eher vorsichtig formulieren möchte. Auch für Einsteiger ein sinnvoller Ausgangspunkt.
In diese Kategorie fallen für mich auch Salzseifen. Salzseifen neigen dazu, in feuchten Klimazonen „zu schwitzen“, also Feuchtigkeit aus der Luft anzuziehen. Diese zusätzliche Feuchtigkeit kann die Gefahr von Ranzigkeit erhöhen. Wenn du in einem feuchten Klima lebst oder dort verkaufst, solltest du die Überfettung eher niedrig halten.
5–8 %: Der ideale Alltagsbereich. Die meisten Seifenrezepte fühlen sich hier am wohlsten.
8–12 %: Wenn du eine besonders pflegende Seife möchtest – etwa Haferseifen, Rezepturen mit viel Sheabutter oder Seifen für sehr trockene oder empfindliche Haut. Hier solltest du auf stabile Öle setzen, Vitamin E ergänzen und der Seife ausreichend Reifezeit geben.
Über 12 %: Ab diesem Bereich steigt das Risiko für Ranzigkeit deutlich an. Solche Rezepturen können durchaus funktionieren, erfordern aber eine sorgfältige Auswahl der Öle und werden grundsätzlich eine kürzere Haltbarkeit haben.
Wie berechnet man die Überfettung?
Zum Glück musst du die Überfettung nicht von Hand berechnen – das übernimmt dein Laugenrechner für dich.
In Programmen wie SoapCalc, SoapMaker 3 oder dem Rechner von Bramble Berry gibt es ein Feld für „Lye Discount“ (Laugenrabatt) oder „Superfat“ (Überfettung). Dort gibst du einfach den gewünschten Prozentsatz ein. Der Rechner reduziert daraufhin die benötigte Laugenmenge entsprechend, sodass dieser Anteil der Öle unverseift bleibt.
Kaltverfahren vs. Heißverfahren – ein wichtiger Unterschied
Bei kaltgerührter Seife kannst du nicht bestimmen, welche Öle unverseift bleiben.
Sobald die Lauge auf deine Ölmischung trifft, reagiert sie mit allen enthaltenen Fetten mehr oder weniger proportional. Die freien Öle in der fertigen Seife sind daher immer eine Mischung aller verwendeten Öle. Du kannst also nicht gezielt dafür sorgen, dass ausgerechnet dein teures Arganöl als pflegendes Überfettungsöl erhalten bleibt.
Beim Heißverfahren sieht das anders aus.
Sobald die Verseifung abgeschlossen ist – wenn die Seifenmasse das typische vaseline- oder apfelmusartige Stadium erreicht – ist die gesamte Lauge verbraucht. Erst dann kannst du ein hochwertiges Pflegeöl hinzufügen. Da keine aktive Lauge mehr vorhanden ist, wird dieses Öl nicht mehr verseift.
Das ist die einzige Situation, in der du tatsächlich kontrollieren kannst, welches Öl die Überfettung deiner Seife bildet.
Rezepturen mit höherer Überfettung entwickeln
Wenn du mit mehr als 8 % Überfettung arbeitest, solltest du das Thema Ranzigkeit bewusst berücksichtigen.
Freie Öle in einer Seife sind anfälliger für Oxidation als verseifte Öle. Je höher die Überfettung, desto größer wird dieses Risiko.
- Für stark überfettete Seifen solltest du daher Öle und Buttern mit langer Haltbarkeit wählen. Kokosöl, Sheabutter, Kakaobutter und Mangobutter sind ausgesprochen stabil. Sonnenblumenöl, Hanföl oder Leinöl werden dagegen relativ schnell ranzig. Ich würde sie entweder nur in geringen Mengen einsetzen oder bei stark überfetteten Rezepturen ganz vermeiden.
- Zusätzlich empfiehlt sich ein Antioxidans. Ich verwende Vitamin E (Tocopherol) mit etwa 1 % der Gesamtölmenge. Es verhindert Ranzigkeit nicht dauerhaft, verlangsamt den Prozess aber deutlich. Auch Rosmarinextrakt (ROE) oder Grapefruitkernextrakt können eingesetzt werden.
- Ebenso wichtig ist eine ausreichende Reifezeit. Eine vollständige Reifung von mindestens vier bis sechs Wochen ermöglicht es dem Wasser, vollständig zu verdunsten. Die Seife wird härter, milder und stabiler. Gerade stark überfettete Seifen profitieren oft von einer längeren Reifezeit.
Fazit
Überfettung ist tatsächlich die wahre Superkraft traditioneller Seifen – ganz gleich, ob sie im Kalt- oder Heißverfahren hergestellt werden. Sie sorgt für das angenehme Hautgefühl, das handgemachte Seifen so besonders macht. Entscheidend ist lediglich, die Rezeptur sorgfältig auf den gewählten Überfettungsgrad abzustimmen.
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